Halluzinationen und Kontextfenster
Zwei Begriffe begegnen dir im Umgang mit LLMs immer wieder - und beide entscheiden darüber, ob du der KI vertrauen kannst: Halluzinationen und das Kontextfenster. Das eine erklärt, warum ein Modell selbstbewusst Unsinn erzählt; das andere, warum es mitten im Gespräch plötzlich „vergisst", worüber ihr gerade gesprochen habt.
Wer diese beiden Phänomene versteht, schreibt nicht nur bessere Prompts - er fällt auch seltener auf die KI herein. 🕵️
Grundlage dieses Kapitels
Dieses Kapitel stützt sich auf drei Quellen:
Zuckarelli, J. (2025): Programmieren mit ChatGPT. Springer Nature. https://doi.org/10.1007/978-3-662-69433-6
Lappin, S. (2024): Assessing the Strengths and Weaknesses of Large Language Models. Journal of Logic, Language and Information 33, S. 9-20. https://doi.org/10.1007/s10849-023-09409-x
Kessel, T. et al. (2025): ChatGPT und Large Language Models? Frag doch einfach! UVK Verlag (UTB).
Halluzinationen
Was ist eine Halluzination?
Halluzination
Als Halluzination bezeichnet man eine Antwort, die flüssig und überzeugend klingt, faktisch aber falsch oder frei erfunden ist. Das Modell „lügt" dabei nicht im menschlichen Sinn - es hat schlicht kein Konzept von wahr und falsch.
Warum halluzinieren LLMs überhaupt?
Erinnerst du dich an die Funktionsweise? Ein LLM macht im Kern nur eines: Es sagt das wahrscheinlichste nächste Token voraus. Es ist also auf sprachliche Plausibilität optimiert - nicht auf Wahrheit.
Eine flüssig formulierte Falschaussage ist für das Modell genauso „wahrscheinlich" wie eine korrekte - Hauptsache, sie klingt richtig1. Das Modell verarbeitet Anweisungen rein statistisch und völlig unabhängig von deren Inhalt.
Achtung: Grounding ≠ Wahrheit
Selbst multimodale Modelle, die Text mit Bildern „erden" (Grounding), sind davor nicht gefeit. Lappin3 bringt es auf den Punkt: Die Beschreibung des Bildes eines Einhorns kann das Bild völlig korrekt beschreiben - und trotzdem kein real existierendes Tier charakterisieren. 🦄
Berühmte Halluzinationen
Der Anwalt und die erfundenen Urteile ⚖️
Ein New Yorker Anwalt nutzte ChatGPT für die Recherche zu einer Klage gegen die Fluglinie Avianca. ChatGPT lieferte prompt sechs passende Präzedenzfälle - juristisch perfekt formuliert.
Kleines Problem: Keiner davon existierte. Alle sechs waren frei erfunden. Der Anwalt fragte sogar nach: „Sind diese Fälle echt?" - ChatGPT antwortete treuherzig: „Ja."
Vor Gericht flog der Schwindel auf.3,4
Moral: Ein LLM unterscheidet nicht zuverlässig zwischen Fakt und Fiktion. Es erzeugt, was plausibel klingt - nicht, was stimmt.
Der Klassiker: die erfundene Quelle
Bittest du ein LLM um Literatur zu einem Nischenthema, bekommst du oft Titel, Autor:innen, Jahr und sogar eine DOI - alles makellos formatiert, alles ausgedacht. Wissenschaftlich besonders heikel, weil es so echt aussieht.
Was hilft gegen Halluzinationen?
Die gute Nachricht: Man ist ihnen nicht hilflos ausgeliefert. Es gibt mehrere Strategien gegen Halluzinationen:
- Kontext mitgeben: Liefere die Fakten/Dokumente gleich im Prompt mit, statt das Modell aus dem „Gedächtnis" raten zu lassen.
- Verifizieren: Jede faktische Aussage (Zahlen, Zitate, Namen, Quellen) gegenprüfen - mit unabhängigen Quellen, nicht mit derselben KI.
- Quellen verlangen: Nach überprüfbaren Belegen fragen - und diese tatsächlich anklicken.
- Unsicherheit zulassen: Das Modell explizit auffordern, „Ich weiß es nicht" zu sagen, statt zu raten.
Training reduziert - beseitigt aber nicht
Modernes Training (insbesondere RLHF, siehe Funktionsweise) reduziert das Ausmaß faktisch falscher Antworten deutlich2. Verschwunden sind Halluzinationen damit aber nicht - die Verantwortung für die Faktenprüfung bleibt bei dir.
Das Kontextfenster
Was ist das Kontextfenster?
Ein LLM hat kein dauerhaftes Gedächtnis. Alles, was es „weiß", während es deine Anfrage bearbeitet, passt in ein begrenztes Kontextfenster - gemessen in Tokens (erinnerst du dich an die Tokenization?).
Kontextfenster & Token-Limit
Das Kontextfenster ist die maximale Menge an Text (in Tokens), die ein Modell gleichzeitig verarbeiten kann - das unterhaltungsbezogene „Gedächtnis"2.
Es umfasst alles: deinen Prompt, mitgegebene Dokumente, den bisherigen Gesprächsverlauf und die Antwort des Modells. Ist das Token-Limit erreicht, fällt vorne etwas heraus - das Modell „vergisst" die ältesten Teile des Dialogs.
Woran merkst du, dass das Fenster voll ist?
Ein verräterisches Symptom ist das Déjà-vu: Wenn ChatGPT plötzlich Lösungen vorschlägt, die ihr längst verworfen habt, oder wichtige Vorgaben aus dem Gesprächsverlauf ignoriert - dann ist das oft der stärkste Indikator dafür, dass die Kontextlänge erreicht ist2.
Wie groß ist so ein Fenster?
Das hängt stark vom Modell ab und wächst rasant - von wenigen tausend Tokens bei frühen Modellen bis zu Hunderttausenden oder Millionen Tokens bei aktuellen Modellen.
Die genauen Werte veröffentlichen die Anbieter in ihrer Dokumentation. Bei Anthropic findest du sie hier Context window sizes by model (englisch)
Aktuelle Claude-Modelle liegen dort bei 1 Million Tokens (Opus 5), ältere bei 200.000 (Sonnet 4.5) - ein Faktor 5 zwischen zwei Modellgenerationen.
Größer ist nicht gratis
Die Nutzung wird in der Regel pro Token abgerechnet (Input und Output). Ein riesiges Dokument in jeden Prompt zu kippen, kostet also Geld - und kann die Antwort verlangsamen2. Mehr Kontext ist nicht automatisch besser.
Dazu kommt ein zweiter, subtilerer Effekt: Je voller das Fenster, desto schlechter findet das Modell die relevanten Stellen darin wieder. Anthropic nennt das context rot - Genauigkeit und Erinnerungsleistung nehmen mit wachsender Token-Zahl ab.
Entscheidend ist deshalb nicht, wie viel im Kontext steht, sondern was.
Strategien zum Managen des Kontextfensters
Auch hier gilt: Mit ein paar Techniken behältst du die Kontrolle.2
So managst du das Token-Limit
- Aktuellen Stand wiederholen - bring das Modell „auf den neuesten Stand", z. B. mit
This is the current code/versionund dem aktuellen Inhalt. - Zwischen-Zusammenfassungen - fasse den bisherigen Dialog kompakt zusammen, statt den ganzen Verlauf mitzuschleppen.
- Abschnittsweise arbeiten - große Texte/Codebasen modular, Stück für Stück bearbeiten.
- Neuen Chat starten - bei „Verrennen": relevanten Inhalt in einen frischen Chat kopieren (das löscht den Altlasten-Kontext).
- Größeres Modell wählen - ein Modell mit größerem Kontextfenster nutzen, wenn die Aufgabe es wirklich braucht.
Zum Selbst-Ausprobieren 🔬
Den Kontext-Überlauf kannst du selbst herbeiführen - man muss das Fenster nur künstlich klein machen. Sobald du im übernächsten Kapitel Ollama eingerichtet hast, wartet dort Übung 4 genau darauf: num_ctx auf 512 setzen, eine Systemregel vergeben und zählen, nach wie vielen Runden das Modell sie vergisst.
Wie Halluzinationen und Kontextfenster zusammenhängen
Die beiden Themen sind enger verbandelt, als es scheint: Läuft das Kontextfenster über, verliert das Modell wichtige Informationen aus dem Gespräch - und füllt die Lücken dann gern mit … Halluzinationen. Ein überquellender Kontext ist also nicht nur ein „Gedächtnisproblem", sondern auch ein Risikofaktor für erfundene Inhalte.
Merksatz
Gib dem Modell genau den Kontext, den es braucht - nicht mehr, nicht weniger. Zu wenig → es rät (Halluzination). Zu viel → es vergisst (Kontext-Überlauf) und kostet unnötig.
Was heißt das für Prompt Engineering?
- Gegen Halluzinationen: relevanten Kontext mitliefern, Quellen verlangen, Ergebnisse verifizieren.
- Fürs Kontextfenster: Prompts knapp und fokussiert halten, lange Aufgaben zerlegen, bei langen Sessions zusammenfassen oder neu starten.
Beides läuft auf dieselbe Kernkompetenz hinaus: bewusst steuern, was das Modell weiß - genau darum geht es im nächsten Kapitel Anatomie eines guten Prompts.
Selbsttest
- Warum ist ein LLM auf Plausibilität statt auf Wahrheit optimiert?
- Was steckt alles im Kontextfenster - nenne mindestens drei Bestandteile.
- Welches Symptom verrät dir, dass das Kontextfenster voll ist?
- Nenne zwei Strategien gegen Halluzinationen und zwei gegen Kontext-Überlauf.
Lösungsskizze
- Weil es darauf trainiert ist, das wahrscheinlichste nächste Token zu erzeugen - sprachlich plausibel ≠ inhaltlich korrekt.
- System-Prompt, mitgegebene Dokumente, bisheriger Gesprächsverlauf, die aktuelle Frage und die Antwort.
- Déjà-vu: Das Modell wiederholt bereits verworfene Vorschläge oder ignoriert frühere Vorgaben.
- Gegen Halluzinationen: Kontext mitgeben, verifizieren, Quellen verlangen. Gegen Überlauf: zusammenfassen, abschnittsweise arbeiten, neuen Chat starten, größeres Modell.
Quellen
Zur Ausarbeitung wurden generative Tools unterstützend eingesetzt.
-
T. Kessel, A. Brandt, J. Offtermatt, F. Augenstein, and C. Praeg, ChatGPT und Large Language Models? Frag doch einfach! Klare Antworten aus erster Hand. UVK Verlag (UTB), 2025, ISBN 978-3-8252-6276-1. ↩
-
J. L. Zuckarelli, Programmieren mit ChatGPT: Eine kompakte Einführung. Springer, 2025, doi: 10.1007/978-3-662-69433-6. ↩↩↩↩↩
-
S. Lappin, "Assessing the strengths and weaknesses of large language models," J. Logic Lang. Inf., vol. 33, pp. 9-20, 2024, doi: 10.1007/s10849-023-09409-x. ↩↩
-
Mata v. Avianca, Inc., No. 1:22-cv-01461, Opinion and Order on Sanctions, U.S. District Court, S.D.N.Y., Jun. 22, 2023. ↩