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Stärken und Grenzen von LLMs

Im vorherigen Kapitel haben wir den Motor zerlegt und gesehen, wie ein LLM Texte erzeugt. Jetzt die entscheidende Frage für die Praxis: Was kann dieses Werkzeug richtig gut - und wo sollte man ihm besser nicht blind vertrauen?

Denn so beeindruckend ChatGPT & Co. wirken: Es sind Werkzeuge, keine Allwissenden. Und wie bei jedem Werkzeug gilt - wer Stärken und Schwächen kennt, wählt für jede Aufgabe das richtige.

Grundlage dieses Kapitels

Dieses Kapitel wägt zwei Perspektiven gegeneinander ab - eine praxisnahe und eine wissenschaftlich-kritische:

Kessel, T.; Brandt, A.; Offtermatt, J.; Augenstein, F.; Praeg, C. (2025): ChatGPT und Large Language Models? Frag doch einfach! Klare Antworten aus erster Hand. UVK Verlag (UTB), Kapitel „Stärken und Schwächen von LLMs", S. 130-141.

Lappin, S. (2024): Assessing the Strengths and Weaknesses of Large Language Models. Journal of Logic, Language and Information 33, S. 9-20. https://doi.org/10.1007/s10849-023-09409-x


„Stochastischer Papagei" oder doch mehr?

Bevor wir Stärken und Schwächen auflisten, ein Streit, der die Fachwelt spaltet:

  • Die Skeptiker


    LLMs seien nur „stochastische Papageien"3 - sie würden lediglich Trainingsdaten nachplappern, ohne irgendetwas zu „verstehen".

  • Die Optimisten


    LLMs zeigen echte induktive Lern- und Schlussfähigkeiten, erkennen hierarchische Strukturen und übertragen Wissen auf neue Aufgaben1.

Lappin1 kommt zu einem abgewogenen Urteil: LLMs sind deutlich mehr als Papageien - sie erbringen bei vielen Aufgaben menschliche oder übermenschliche Leistung und übertreffen die regelbasierte KI früherer Jahrzehnte bei Weitem. Aber sie haben reale, ernste Grenzen. Genau diese Balance schauen wir uns jetzt an.


✅ Die Stärken

Sprachgewandtheit & Wissensspektrum

Was beim ersten Kontakt am meisten beeindruckt: die Eloquenz der Antworten und die enorme thematische Bandbreite - von der mittelalterlichen Geschichte Europas bis zu aktuellen Trends in der Informatik2.

Achtung, Trugschluss!

Für uns Menschen korreliert sprachliche Ausdrucksfähigkeit mit Intelligenz - wer eloquent spricht, wirkt klug. Genau deshalb täuschen flüssige LLM-Antworten leicht ein tieferes Verständnis vor, das so gar nicht existiert. Merke dir das gut - es erklärt später die Halluzinationen und auch die ein oder andere Begegnung mit Menschen in deinem Umfeld. 😉

Eloquenz ist nicht gleich Intelligenz
HR-konforme Wege, einen Kollegen „Vollidiot“ zu nennen
(Quelle: Instagram)

Textarbeit

Hier liegt die natürliche Stärke von LLMs. Die häufigsten (und zuverlässigsten) Aufgaben2:

  • Zusammenfassen


    Lange Texte, Meeting-Protokolle oder wissenschaftliche Artikel auf das Wesentliche eindampfen.

  • Paraphrasieren


    Texte umformulieren - etwas, das Menschen erstaunlich schwerfällt, weil man sich von der alten Wortwahl lösen muss.

  • Wissen extrahieren


    Gezielt Informationen herausziehen - in natürlicher Sprache statt per SQL-Abfrage.

  • Fragen beantworten


    Antworten auf Basis eines gelernten oder mitgelieferten Textes generieren.

Spezialleistungen

Lappin1 betont, dass Transformer weit über klassisches NLP hinaus glänzen:

  • Medizinische Bildanalyse und Diagnostik
  • Strukturvorhersage von Proteinen (eine Revolution für die Computational Biology)
  • Multimodales Schlussfolgern - das Modell kann sogar erklären, warum ein Bild witzig ist
Beispiel: KI erklärt einen Witz 🤓

In einem berühmten Beispiel zeigt man GPT-4 das Foto eines Smartphones, in dessen Ladebuchse ein riesiger, veralteter VGA-Stecker steckt - verpackt als „Lightning Cable".

Foto: In der Ladebuchse eines Smartphones steckt ein großer blauer VGA-Stecker, an dem ein weißes Kabel hängt.
Das Foto, dessen Pointe GPT-4 erklären konnte. (Quelle: Rocket Beans Forum)

Das Modell beschreibt nicht nur Panel für Panel, was zu sehen ist, sondern erkennt die Pointe: die Absurdität, einen klobigen Monitorstecker als modernes Handykabel auszugeben1. Einen Witz zu verstehen galt lange als zutiefst menschlich.

Mehrsprachigkeit

  • Übersetzung & Mehrsprachigkeit: Für weit verbreitete Sprachen (Englisch, Spanisch, Chinesisch …) funktioniert das Übersetzen hervorragend, da viel Trainingsmaterial existiert2.
  • Niedrige Einstiegshürde: Man tippt einfach in natürlicher Sprache - keine Programmierkenntnisse, kein kompliziertes Setup. Diese schnelle, natürliche Interaktion ist ein echter Produktivitätsbooster.

⚠️ Die Grenzen

Rechnen & Logik

Einfache Formeln? Kein Problem. Aber komplexere Berechnungen (Integrale, Matrizen) oder mehrstufige logische Schlussfolgerungen sind eine echte Herausforderung - schließlich basiert das Modell auf Mustern, nicht auf echtem Rechnen oder formaler Logik2.

Praxis-Tipp

Für Mathe und Logik koppelt man LLMs heute mit spezialisierten Werkzeugen (Taschenrechner, Code-Ausführung, Beweissysteme). Das LLM formuliert die Aufgabe - das Werkzeug rechnet.

Mehr dazu im Kapitel Prompt Chaining.

Kein "echtes" Verständnis

So eloquent die Texte auch klingen - das Modell verarbeitet Anweisungen rein statistisch und völlig unabhängig von deren Inhalt. Es kann die Konsequenzen oder Schlussfolgerungen aus einer Aussage weder bewerten noch einordnen2.

Halluzinationen

LLMs sind berüchtigt dafür, plausibel klingende, aber frei erfundene Inhalte zu produzieren. Und das nicht zaghaft, sondern mit voller Überzeugung.

Halluzinationen-Meme
Quelle: Reddit

Weil diese Schwäche für die Praxis so folgenreich ist, bekommt sie ein eigenes Kapitel: Halluzinationen und Kontextfenster. Dort erfährst du, warum Modelle erfinden, an welchen Warnsignalen du es erkennst - und was tatsächlich dagegen hilft. Inklusive des Falls, bei dem ein Anwalt einem Gericht sechs frei erfundene Urteile vorlegte. ⚖️

Wichtig

Halluzinationen machen LLMs zu gefährlichen Quellen für (Fehl-)Informationen. Jede faktische Aussage gehört verifiziert - mit unabhängigen Quellen, nicht mit derselben KI.

Blackbox

Warum kommt ein Modell zu genau dieser Antwort? Aufgrund der Komplexität der neuronalen Netze ist das kaum nachvollziehbar2. Lappin1 nennt das die Opazität von LLMs: Sie sind nicht-kompositional und schwer erklärbar - ein ernstes Problem überall dort, wo Entscheidungen begründet werden müssen (Finanz, Medizin, Recht).

Datenhunger & Machtkonzentration

Ein eher unsichtbares, aber gewichtiges Problem1:

  • LLMs brauchen um Größenordnungen mehr Daten als ein Mensch, um Sprache zu lernen.
  • Die nötige Rechenleistung, Infrastruktur und Finanzkraft haben nur wenige große Tech-Konzerne - das konzentriert Entwicklung und Forschung auf eine Handvoll Akteure.

Kreativität oder nur Wiedergabe?

LLMs lernen aus bestehenden Texten - und geben deshalb vor allem Bekanntes wieder, geschickt neu kombiniert. Für echte Innovation und neue Ideen braucht es (noch) den Menschen. Das LLM ist ein mächtiger Assistent, nicht der Erfinder2.


Was heißt das für Prompt Engineering?

Genau weil LLMs diese Stärken und Schwächen haben, ist gutes Prompting so wertvoll:

  • Spiele die Stärken aus → nutze sie für Textarbeit, Umformulierung, Brainstorming.
  • Umgehe die Schwächen → gib Kontext mit (gegen Halluzinationen), verifiziere Fakten, und zerlege komplexe Aufgaben in Schritte (gegen Logik-/Rechenschwäche).

Ein Werkzeug ist nur so gut wie die Hand, die es führt. Prompt Engineering ist diese Hand.

Selbsttest: Werkzeug richtig eingeschätzt?
  1. Warum wirkt ein LLM oft klüger, als es tatsächlich „versteht"?
  2. Nenne die Königsdisziplin von LLMs und zwei typische Aufgaben daraus.
  3. Was war das Problem im Fall Mata v. Avianca - und wie heißt das Phänomen?
  4. Warum ist die Blackbox-Eigenschaft gerade in Finanz, Medizin und Recht heikel?
Lösungsskizze
  1. Weil sprachliche Eloquenz bei uns mit Intelligenz korreliert - flüssige Antworten täuschen Verständnis vor, das statistisch erzeugt ist.
  2. Textarbeit - z. B. Zusammenfassen und Paraphrasieren (auch: Wissensextraktion, Q&A).
  3. ChatGPT erfand sechs nicht existierende Gerichtsurteile und bestätigte sie sogar als echt → Halluzination.
  4. Weil Entscheidungen dort begründet und nachvollziehbar sein müssen - eine nicht erklärbare Blackbox erfüllt das nicht.

Quellen

Zur Ausarbeitung wurden generative Tools unterstützend eingesetzt.


  1. S. Lappin, "Assessing the strengths and weaknesses of large language models," J. Logic Lang. Inf., vol. 33, pp. 9-20, 2024, doi: 10.1007/s10849-023-09409-x

  2. T. Kessel, A. Brandt, J. Offtermatt, F. Augenstein, and C. Praeg, ChatGPT und Large Language Models? Frag doch einfach! Klare Antworten aus erster Hand. UVK Verlag (UTB), 2025, ISBN 978-3-8252-6276-1. 

  3. E. M. Bender, T. Gebru, A. McMillan-Major, and S. Shmitchell, "On the dangers of stochastic parrots: Can language models be too big?," in Proc. ACM Conf. Fairness, Accountability, and Transparency (FAccT '21), 2021, pp. 610-623, doi: 10.1145/3442188.3445922